Melatonin - Wundermittel oder überschätzt?

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Was ist Melatonin: Melatonin ist kein klassisches Schlafmittel, sondern ein Hormon, welches durch die körpereigene Melatonin-Produktion hergestellt wird. Es hilft dem Körper den Schlaf-Wach-Rhythmus zu steuern. Dunkelheit fördert die Melatonin-Produktion, Licht hingegen hemmt sie. 
  • Wann sinnvoll? Wenn die innere Uhr verschoben ist, wie bspw. beim Jetlag oder durcheinander gebrachten Schlafrythmus. Bei chronischer Schlaflosigkeit (Insomnie) ist die Studienlage deutlich zurückhaltender.  
  • Wirkung: Die Wirkung ist oft geringer, als viele erwarten. Durchschnittlich verkürzt es die Einschlafzeit um ca. 7 Minuten und verlängert die Schlafdauer um ca. 8 Minuten. Messbare Unterschiede, aber kein dramatischer Effekt. 
  • Wichtig: Melatonin bedeutet nicht automatisch besseren Schlaf. Rhythmus, Licht und Stress sind oft entscheidender um besser zu schlafen. 

Was ist Melatonin?

Melatonin ist ein Hormon, das vor allem in der Zirbeldrüse im Gehirn gebildet wird. Seine Ausschüttung hängt stark von den Lichtverhältnissen ab. 

Wird es dunkel, steigt die Melatoninproduktion. Der Körper bekommt das Signal: Es wird Nacht, bereite dich auf´s Schlafen vor. Wird es hell, sinkt der Melatoninspiegel wieder.

Deshalb ist Melatonin eng mit unserer inneren Uhr verbunden. Man kann sich Melatonin wie einen biologischen Taktgeber vorstellen. Es „macht“ nicht einfach Schlaf wie ein Betäubungsmittel. Es sagt dem Körper eher, wann Schlaf biologisch gesehen passend wäre.

Oder einfach gesagt:

  • Dunkelheit → mehr körpereigenes Melatonin
  • Licht am Abend → weniger Melatonin
  • Melatonin → Signal für Nacht, Zeit zum Schlafen
  • Schlafdruck entsteht trotzdem durch andere Prozesse

Das ist wichtig, weil das Hormon häufig falsch eingeordnet wird. Es ist kein Mittel, das bei jedem Schlafproblem helfen kann. Es funktioniert am besten, wenn das Problem mit dem Timing des Schlafs zusammenhängt.

sleeping person image

Wirkung von Melatonin im Körper?

Melatonin beeinflusst vor allem den zirkadianen Rhythmus. Das ist der innere 24-Stunden-Takt, der Schlaf, Wachheit, Körpertemperatur und Blutdruck, Hormonaktivität und Stoffwechsel mitsteuert.

Der Körper nutzt es also nicht nur für Müdigkeit. Es ist Teil eines größeren und komplexen Systems.

Melatonin kann unter anderem:

  • signalisieren, dass Nacht ist
  • Einschlafen erleichtern
  • Schlafrhythmus verschieben
  • Körpertemperatur senken
  • Blutdruck reduzieren
  • innere Uhr stabilisieren

Gerade der letzte Punkt ist entscheidend. Melatonin wirkt nicht bei allen gleich, weil nicht jeder aus dem gleichen Grund schlecht schläft.

Wer wegen Jetlag wach liegt, hat ein anderes Problem als jemand, der wegen Stress, Schmerzen, Alkohol, Koffein oder nächtlichem Grübeln nicht schlafen kann.

Zusammenhang von Melatonin, Schlaf & Müdigkeit

Melatonin wird häufig direkt mit Müdigkeit gleichgesetzt. Ganz falsch ist das nicht, aber ansich zu vereinfacht.

Müdigkeit entsteht aus mehreren Signalen. Zwei davon sind besonders wichtig:

1. Schlafdruck

Je länger man wach ist, desto größer wird der Schlafdruck. Der Körper sammelt über den Tag biochemische Signale, die Schlaf wahrscheinlicher machen. Erfahre mehr zu Schlafdruck

2. Innere Uhr

Die innere Uhr entscheidet, wann dein Körper Schlaf überhaupt zulässt. Melatonin ist ein dafür wichtiges Signal in diesem System.

Das erklärt, warum man manchmal müde ist, aber trotzdem nicht einschlafen kann. Der Schlafdruck ist zwar da, aber die innere Uhr steht noch nicht auf Nacht.

Oder umgekehrt: Du nimmst Melatonin, bist aber innerlich angespannt, hell wach, am Handy oder hast zu spät Kaffee getrunken. Dann kann es zwar ein Signal setzen, aber es gewinnt nicht automatisch gegen all die anderen Einflüsse.

melatonin image

Ist Melatonin zum Schlafen geeignet?

Manchmal ja, aber nicht als Allrounder wie es oft beworben wird.

Melatonin ist eher ein Werkzeug für den Schlafrhythmus als ein Schlafmittel, welches die Schlafqualität verbessert. Es kann dabei helfen, schneller einzuschlafen. Die Effekte sind aber meist eher moderat. In der EU darf die gesundheitsbezogene Angabe zur Verkürzung der Einschlafzeit verwendet werden, wenn ein Produkt 1 mg Melatonin pro Portion enthält und der Hinweis erfolgt, dass der Effekt bei Einnahme kurz vor dem Schlafengehen eintritt.

Bei (chronischer) Insomnie sieht es aber anders aus. Dort reichen Schlafprobleme oft tiefer: Grübeln oder auch das bekannte Gedanken Karussell, Stress, ungünstige Routinen, Erkrankungen, Medikamente oder ein stark gestörter Schlafrhythmus. Fachliche Leitlinien sehen für chronische Schlaflosigkeit nicht genug schwerwiegende Evidenz, um Melatonin allgemein empfehlen zu können.

 

Wofür Melatonin nützlich sein kann?

1. Jetlag

Jetlag entsteht, wenn die innere Uhr nicht zur neuen Zeitzone passt. Man ist zum Beispiel körperlich noch auf Europa eingestellt, obwohl man in Asien oder Amerika schlafen möchte.

Dafür gibt es vergleichsweise gute Hinweise. Das NCCIH beschreibt, dass die Einnahme von Melatonin helfen können. Das gilt besonders bei Reisen über mehrere Zeitzonen hinweg.

Auch das EU Health Claims Register nennt Melatonin im Zusammenhang mit der Linderung subjektiver Jetlag-Gefühle. Dafür wird dort mindestens 0,5 mg Melatonin nahe der Schlafenszeit am ersten Reisetag und an den folgenden Tagen nach Ankunft genannt.

2. Verzögerte Schlafphase

Manche Menschen werden abends einfach nicht müde und schlafen erst sehr spät ein. Dafür kommen sie morgens schwer aus dem Bett. Dieses Phänomen nennt man verzögerte Schlaf-Wach-Phase.

Hier kann Melatonin sinnvoll sein, wenn man es strategisch richtig einsetzt. Die American Academy of Sleep Medicine empfiehlt bei verzögerter Schlafphase eine gezielt getimte Melatonin Einnahme, allerdings mit schwacher Empfehlung und begrenzter Evidenz.

3. Kurzfristige Einschlafprobleme

Bei gelegentlichen Einschlafproblemen kann es einen Versuch wert sein. Vor allem dann, wenn der Schlafrhythmus durcheinandergeraten ist.

Zum Beispiel:

  • nach Reisen
  • nach unregelmäßigen Arbeitszeiten (Schichtdienst)
  • nach längeren Abendroutinen mit viel Licht (Bildschirme)
  • nach kurzfristig verschobenem Schlafrhythmus

Sinnvoll ist es vor allem, wenn man gleichzeitig die Schlafgegebenheiten verbessert: weniger Licht, kein spätes Koffein, ruhiger Abend, feste Schlafenszeit.

4. Medizinische Sonderfälle

Bei ein paar bestimmten Personengruppen und Diagnosen kann Melatonin auch ärztlich verordnet werden. Das BfR nennt zugelassene Anwendungsbereiche bestimmter melatoninhaltiger Arzneimittel etwa bei zeitlich begrenzter Behandlung von Schlafstörungen bei Personen ab 55 Jahren sowie bestimmte Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung oder Smith-Magenis-Syndrom.

Das ist aber etwas anderes als eine frei gekaufte Dauereinnahme aus der Drogerie.

Wann Melatonin passt im Überblick: 

  • Jetlag: kann sinnvoll sein
  • Verschobener Schlafrhythmus: häufig der passendste Einsatzbereich
  • Gelegentliche Schlafprobleme: kann Abhilfe schaffen, aber nicht garantiert (einfach ausprobieren)
  • Chronische Schlaflosigkeit (Insomnie): vorerst Ursache abklären lassen
  • Stress / Grübeln: Melatonin allein meist nicht ausreichend. 
  • Probleme durchzuschlafen: Nicht immer passend (einfach ausprobieren)

Man sollte es nicht als ein Mittel sehen, um Schlaf zu erzwingen. Genau das tut es eben nicht. 

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Wann ist Melatonin eher nicht die beste Lösung?

Die Wirkung von diesem Hormon wird überschätzt, wenn das tatsächliche Problem gar nicht die innere Uhr ist. 

Das kann der Fall sein bei:

  • starkem Stress
  • Grübeln / Gedanken Karussell vorm Einschlafen
  • Alkohol
  • spätem Koffein
  • Schmerzen
  • Depressionen oder Angstzuständen
  • Schlafapnoe
  • Restless-Legs-Symptomen
  • unregelmäßigem Lebensstil 
  • dauerhaft schlechter Schlafhygiene

In solchen Fällen kann Melatonin uns zwar müde machen, oder das Einschlafen etwas erleichtern. Die Ursache wird dadurch aber nicht gelöst.

Ein typisches Beispiel: Jemand liegt jeden Abend mit Handy im Bett, trinkt spätnachmittags Kaffee und arbeitet bis kurz vor dem Schlafen. Dann ist Melatonin garnicht das eigentliche Problem. Der Körper bekommt einfach zu viele Wachsignale.

Einnahme von Melatonin und Dosierung

Wichtig vorab: Die passende Einnahme hängt vom Präparat, Ziel und Gesundheitszustand ab. Bei Medikamenten zählt die ärztliche Empfehlung oder Packungsbeilage. Bei Schlafproblemen, die länger anhalten, sollte die Ursache ärztlich oder im Schlaflabor geklärt werden. Das BfR rät ausdrücklich davon ab, melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel unkritisch, nicht reguliert und langfristig einzunehmen. Die Einnahme ist in Form von Kapseln oder Spray möglich.

Grundregel: Niedrig anfangen

Mehr Melatonin ist nicht automatisch besser. Bei vielen Menschen reichen niedrige Mengen aus. Endotext beschreibt, dass bei manchen Personen niedrigere Dosen von 0,3 bis 0,5 mg sogar wirksamer sein können als höhere Dosen und dass generell mit der niedrigsten verfügbaren Dosis begonnen werden sollte.

Orientierung für die richtige Dosierung: 

  • Einschlafen unterstützen: niedrig dosiert, kurz vor dem Schlafengehen. 
  • Jetlag: nahe der Ziel-Schlafenszeit am Reiseziel niedrig dosiert (min. 0,5mg)
  • Schlafrhythmus verschieben: Timing ist wichtig

Häufige Fehler bei der Einnahme: 

  • zu spät in der Nacht einnehmen
  • zu hoch dosieren 
  • täglich, ohne Plan & unkritisch verwenden 
  • bei Nebenwirkungen weiter einnehmen
  • Schlafprobleme nicht abklären lassen
  • Es als Ersatz für Schlafroutine sehen. 
  • Melatonin mitten in der Nacht „nachlegen“ (kann Tag-Nacht-Rhythmus zusätzlich verschieben) 

Wie schnell wirkt Melatonin?

Wie schnell es wirkt hängt vom Präparat ab.

Schnell freisetzende Formen werden häufig etwa 45 Minuten bis 1 Stunde vor dem Schlafengehen eingeordnet. Endotext nennt diesen Zeitraum als praktische Orientierung für orale, schnell freisetzende Präparate.

Retardpräparate wirken anders. Sie geben es langsamer ab und sind eher darauf ausgelegt, den Spiegel über längere Zeit zu halten. Der NHS nennt bei kurzfristigen Schlafproblemen bei Erwachsenen als übliche Einnahme eine 2-mg-Retardtablette 1 bis 2 Stunden vor dem Schlafengehen.

kurz gesagt:

  • Schnell freisetzend: eher 30–60 Minuten vorher
  • Retard/Slow Release: oft früher, je nach Präparat
  • Mit Essen: Wirkung kann sich verzögern
  • Bei Jetlag: Timing zur neuen Zeitzone ist wichtig

Hat Melatonin Nebenwirkungen?

Das Hormon gilt bei einer kurzfristigen Einnahme für viele Erwachsene als gut verträglich. Trotzdem hat es gewisse Risiken und Nebenwirkungen. 

Mögliche Nebenwirkungen sind: 

  • Tagesmüdigkeit
  • Kopfschmerzen 
  • Schwindel 
  • Übelkeit
  • Bauchschmerzen
  • Reizbarkeit
  • Unruhe
  • trockener Mund
  • lebahfte Träume oder Albträume
Das BfR weist zusätzlich auf mögliche Effekte wie verringerte Aufmersamkeit, verlängerte Reaktionszeiten, Blutdruckabfall, Kraftlosigkeit und Gangunsicherheit hin. Im Straßenverkehr oder bei körperlichen Arbeiten mit beipielsweise Maschinen, kann das zu einem Risiko werden. 
 
Bei Medikamenten ist Vorsicht geboten:
Melatonin kann mit verschiedenen Medikamenten wechselwirken. Die Mayo Clinic nennt unter anderem Blutgerinnungshemmer, Medikamente gegen Krampfanfälle, Verhütungsmittel, Blutdruckmedikamente, Diabetesmedikamente, Immunsuppressiva und Arzneimittel, die über die Leber abgebaut werden. Außerdem wird empfohlen, innerhalb von fünf Stunden nach Einnahme kein Auto mehr zu fahren oder Maschinen zu bedienen.

Fazit

Melatonin ist weder Unsinn noch Wundermittel. 

Es kann sinnvoll sein, wenn es zum Problem passt. Also bei verschobenen Schlafrhythmus oder Jetlag. 

Allerdings wird es überschätzt, wenn man davon ausgeht, dass es schlechte Schlafgewohnheiten, Stress oder chronische Schlafprobleme ausbügeln kann. 

Melatonin ist kein Schlafmittel, sondern vielmehr eine Uhr. Eingebunden in diesen Kontext kann es sinnvoll genutzt werden. Niedrig dosiert, mit gutem Timing, kurzfristig und nicht als Ersatz für eine Schlafroutine. 

Hinweis

Die Inhalte dieses Blogs dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar. Sie ersetzen keinesfalls die individuelle Beratung durch einen Arzt oder qualifizierten Gesundheitsdienstleister.

Bei gesundheitlichen Beschwerden, Fragen zur Ernährung oder vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sollte immer Rücksprache mit einem Facharzt oder einer entsprechend qualifizierten Person gehalten werden.

Für die Anwendung der hier dargestellten Inhalte wird keine Haftung übernommen.

Quellen & wissenschaftliche Grundlagen

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