Was sind Myokine? Wie Muskeln heilsame Botenstoffe produzieren

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Was sind Myokine: Myokine sind Botenstoffe, die von Muskeln bei Aktivität produziert und ins Blut abgegeben werden.
  • Muskel als Organ: Der Muskel ist ein endokrines Organ. Er kommuniziert aktiv mit Gehirn, Leber, Fettgewebe und Immunsystem.
  • Wirkung: Myokine wirken entzündungshemmend, fördern den Abbau von Bauchfett und schützen das Gehirn. 
  • Aktivierung: Besonders sinnvoll ist eine Kombination aus Krafttraining und Ausdauertraining. Bereits 2-3 Trainingseinheiten pro Woche reichen aus, um die Myokin-Produktion messbar anzukurbeln.
  • Ernährung: Eine proteinreiche Ernährung liefert die Bausteine, die der Muskel für die Myokin-Bildung benötigt. 

Die Entdeckung der Myokine: der Muskel als endokrines Organ

Lange galten Muskeln als eine reine Bewegungsmaschine. Dass sie dazu noch aktiv mit anderen Organen kommunizieren, ist eine relativ neue Erkenntnis. 2003 prägte die dänische Professorin Bente Klarlund Pedersen den Begriff „Myokin“ (aus dem Griechischen: myo für Muskel, kine für Wirkstoff). Ihr Team identifizierte das Interleukin-6 (IL-6) als ersten dieser Botenstoffe und erkannte: Der Muskel schickt während der Arbeit Signale ins Blut, die weit über das Muskelgewebe hinaus wirken.

Damit war der Muskel offiziell ein endokrines Organ, also ein Organ, das körpereigene Wirkstoffe direkt in den Blutkreislauf abgibt, genau wie Schilddrüse oder Bauchspeicheldrüse. Der entscheidende Unterschied: Der Muskel produziert seine Botenstoffe nur, wenn er benutzt wird. Bewegungsmangel bedeutet also nicht nur weniger Kondition, sondern die Inaktivität einer ganzen Signalfabrik.

Forscher schätzen, dass es rund 3.000 verschiedene Myokine gibt. Bislang sind etwa 600 davon bekannt und untersucht. Es gibt also sehr viele Myokine im ganzen Körper, bei denen ihre Wirkung noch nicht geklärt ist. 

Muskelgewebe Myokine Image

Was sind Myokine und wie wirken sie?

Myokine sind hormonähnliche Botenstoffe aus der Gruppe der Zytokine: kleine Eiweißmoleküle, die Muskelzellen bei Belastung synthetisieren und ausschütten. Viele zählen biochemisch zu den Interleukinen. Was sie von Hormonen wie Insulin unterscheidet: Myokine entstehen nicht dauerhaft in einer Drüse, sondern situativ, immer dann, wenn Muskeln arbeiten.

Sie wirken auf drei Ebenen: direkt in der Muskelzelle selbst (autokrin), im umliegenden Gewebe (parakrin) und über die Blutbahn systemweit bis zu Gehirn, Leber, Fettgewebe und Immunsystem (endokrin). Das macht Myokine zu einem Kommunikationsnetzwerk, das den Körper bei Bewegung koordiniert. Als eigenes System und jenseits von Nerven und klassischen Hormonen.

Training produziert heilsame Myokine: So aktivierst du Muskulatur

Grundregel: Je mehr Muskelmasse aktiv ist und je intensiver die Belastung, desto mehr Myokine werden freigesetzt. Bei starker Muskelaktivität kann der IL-6-Spiegel im Blut auf das bis zu Hundertfache des Ruhewerts ansteigen.

Krafttraining fördert vor allem IL-6 und IL-15, die für Muskelaufbau und Fettstoffwechsel wichtig sind. Ausdauertraining (Laufen, Radfahren, Schwimmen) regt besonders Irisin und BDNF an, die auf Fettgewebe und Gehirn wirken. Die Kombination aus beidem ist am effektivsten. Bereits nach 8 Wochen regelmäßigem Training (2 bis 3 Einheiten zu je min. 30 Minuten) lässt sich der Myokinspiegel im Blut messbar erhöhen. Leistungssportler muss man dafür nicht sein.

Training Image

Ernährung als Unterstützung

Myokine bestehen aus Aminosäuren. Wer regelmäßig trainiert, aber zu wenig Protein isst, gibt dem Muskel nicht genügend Rohstoff für die Produktion. Empfohlen werden 1,4 bis 2,0 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht für sportlich aktive Menschen. Proteine bekommt man gut aus Quellen wie Hülsenfrüchte, Fisch, Eier oder Milchprodukte. Omega-3-Fettsäuren unterstützen zusätzlich die anti-inflammatorische Wirkung der Myokine.

 

Die wichtigsten Myokine und ihre Wirkung

IL-6: Der Doppelcharakter

Interleukin-6 war der erste entdeckte Botenstoff dieser Art und gilt bis heute als Prototyp. Wenn Muskeln arbeiten, steigt IL-6 kurzfristig stark an und wirkt dabei entzündungshemmend: Es hemmt TNF-Alpha, einen klassischen Auslöser chronischer Entzündungen, stimuliert den Fettstoffwechsel und verbessert die Insulinsensitivität.

Wichtig zu verstehen: IL-6 hat einen Doppelcharakter. Als muskelinduzierter Botenstoff wirkt es heilsam. Dauerhaft erhöht – etwa bei chronischen Erkrankungen oder starkem Übergewicht – kann IL-6 hingegen entzündungsfördernd sein. Der Kontext entscheidet über die Wirkung.

Irisin: Fettverbrenner und Gehirnschützer

Irisin wurde 2012 entdeckt und ist eines der meistdiskutierten Myokine. Es entsteht hauptsächlich bei der Asudauerbelastung und hat zwei bemerkenswerte Eigenschaften: 

  1. Es wandelt weißes Fettgewebe in braunes um. Braunes Fett speichert keine Energie, sondern verbrennt sie. Das senkt das Risiko für Übergewicht, Diabetes mellitus und Herzerkrankungen.
  2. Irisin kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden und im Hippocampus (Gedächtnis & Lernzentrum in Gehirn) die Produktion von BDNF ankurbeln. Studien verbinden Irisin außerdem mit Schutzeffekten gegen Knochenabbau und Alzheimer. 

Erfahre mehr über braunes Fettgewebe, warum es so gesund ist und wie man es aktiviert:

BDNF: Dünger für das Gehirn

Der Brain-Derived Neurotrphic Factor (BDNF) födert das Wachstum, das Überleben und die Vernetzung von Nervenzellen (besonders im Hippocampus). Niedriger BDNF-Spiegel wird mit Demenz, Alzheimer und Depression in Verbindung gebracht. Regelmäßige Bewegung hält diesen Spiegel erhöht. BDNF kann die Blut-Hirn-Schranke zwar nicht selbst passieren, wird aber durch Irisin direkt im Gehirn stimuliert. Über diesen Mechanismus beeinflusst Muskelarbeit direkt das Gehirn.

IL-15 und Myostatin: Wachstum regulieren

IL-15 entsteht vor allem in der Skelettmuskulatur und wirkt anabol: Es unterstützt den Muskelaufbau, verbessert die Glukoseaufnahme in Muskelzellen und reduziert viszerales Fett. Damit ist es ein zentraler Botenstoff im Kampf gegen Diabetes Typ II. Myostatin hingegen bremst das Muskelwachstum und reguliert so die Myogenese (Neubildung von Muskelzellen). Training senkt die Myostatin-Konzentration, wodurch Muskelwachstum ermöglicht wird. Myostatin hemmt Muskelwachstum kontinuierlich um diesen zu regulieren.

Warum Sport entzündungshemmend wirkt und was Bauchfett damit zu tun hat

Viszerales Fettgewebe (das tiefe Bauchfett rund um die Organe) ist kein passives Polster. Es produziert selbst Entzündungsbotenstoffe und gilt als zentraler Risikofaktor für Diabetes, Herzerkrankungen und chronische Entzündungen. Genau hier greifen Myokine ein: IL-6 und IL-15 fördern den Abbau dieses Fettgewebes und unterbrechen so einen gefährlichen Kreislauf. Mehr Training bedeutet mehr Myokine, weniger Bauchfett – und in der Folge auch weniger systemische Entzündungen.

Dieses Prinzip erklärt, warum regelmäßige körperliche Aktivität das Risiko für so viele chronische Erkrankungen gleichzeitig senkt: nicht durch einen einzelnen Mechanismus, sondern durch ein ganzes Netzwerk von Botenstoffen, die gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen wirken. BDNF und Irisin schützen das Gehirn. IL-6 und IL-15 regulieren Fett- und Zuckerstoffwechsel. Und das Immunsystem profitiert durch die Aktivierung natürlicher Killerzellen.

Fazit

Myokine machen deutlich, dass Muskeln weit mehr sind als Bewegungswerkzeuge. Sie sind ein aktives endokrines Organ, das bei jeder Trainingseinheit heilsame Botenstoffe produziert und damit Einfluss auf Gehirn, Stoffwechsel, Immunsystem und Entzündungsprozesse nimmt. Die Forscherin Pedersen hat mit ihrer Entdeckung ein neues Verständnis von Bewegung als Medizin begründet. Und das Beste daran: Diese körpereigene Apotheke braucht keine Verschreibung, nur regelmäßige Nutzung.

Krafttraining und Ausdauertraining haben also viele positive Effekte gleichzeitig. Die Myokine tragen hierzu einen wesentlichen Anteil bei.

Hinweis

Die Inhalte dieses Blogs dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar. Sie ersetzen keinesfalls die individuelle Beratung durch einen Arzt oder qualifizierten Gesundheitsdienstleister.

Bei gesundheitlichen Beschwerden, Fragen zur Ernährung oder vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sollte immer einen Facharzt oder eine entsprechend qualifizierte Person konsultiert werden

Für die Anwendung der hier dargestellten Inhalte wird keine Haftung übernommen.

Quellen & wissenschaftliche Grundlagen

  1. Pedersen, B. K., Åkerström, T. C. A., Nielsen, A. R., & Fischer, C. P. (2007). Role of myokines in exercise and metabolism. Journal of Applied Physiology, 103(3), 1093–1098. DOI: 10.1152/japplphysiol.00080.2007
  2. Pedersen, B. K. (2013). Muscle as a secretory organ. Comprehensive Physiology, 3(3), 1337–1362. DOI: 10.1002/cphy.c120033
  3. Bostöm, P. et al. (2012). A PGC1-α-dependent myokine that drives brown-fat-like development of white fat and thermogenesis. Nature, 481, 463–468. DOI: 10.1038/nature10777
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  6. Leal, L. G., Lopes, M. A., & Batista, M. L. Jr. (2018). Physical exercise-induced myokines and muscle-adipose tissue crosstalk. Frontiers in Physiology, 9, 1307. DOI: 10.3389/fphys.2018.01307
  7. Quinn, L. S. (2009). Interleukin-15: a muscle-derived cytokine regulating fat-to-lean body composition. Journal of Animal Science, 86(E Suppl), E75–E83. DOI: 10.2527/jas.2007-0458
  8. Brandt, C., & Pedersen, B. K. (2010). The role of exercise-induced myokines in muscle homeostasis and the defense against chronic diseases. Journal of Biomedicine and Biotechnology. DOI: 10.1155/2010/520258
  9. Wrann, C. D. et al. (2013). Exercise induces hippocampal BDNF through a PGC-1α/FNDC5 pathway. Cell Metabolism, 18(5), 649–659. DOI: 10.1016/j.cmet.2013.09.008
  10. Pharmazeutische Zeitung (2024). Die Muskel-Apotheke des Körpers.https://www.pharmazeutische-zeitung.de/die-muskel-apotheke-des-koerpers-145439/
  11. SRF Wissen (2023). Myokine: die heilende Superkraft unserer Muskeln. https://www.srf.ch/wissen/gesundheit/
  12. Bodymedia Fachmagazin (2023). Muskeln und Myokine – die körpereigene Apotheke. https://www.bodymedia.de/
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